Warum behandeln so viele Menschen ausgerechnet ihren Partner, den Menschen, dem sie am nächsten stehen, den sie vorgeben zu lieben, oft am schlechtesten? In sehr vielen Beziehungen wird mit dem Nachbarn, dem Kollegen, dem ungeliebten Chef besser und achtsamer gesprochen, als mit dem eigenen PartnerIn. Der bekommt, wenn sich Frust aufgestaut hat nur ein dahingerotztes Wort, einen verächtlichen Blick, eine abwertende Geste zu spüren. All dies würden wir bei einem anderen Menschen niemals tun. Warum dann bei unserem PartnerIn?

Warum behandeln wir alle anderen höflicher, achten auf unsere Wortwahl und disziplinieren uns beim ausleben spontaner Emotionen wie Frust, Ärger, Angst und Wut?

Es gibt eine sehr einfache Antwort darauf!

Weil wir glauben, dass wir es uns leisten können! In der Regel erwarten einen in der Partnerschaft keine wirklichen Konsequenzen. Die Konsequenzen die wir erleben sind welche, die wir bereitwillig in Kauf nehmen, die nicht wirklich weh tun, einem nicht wirklich etwas wegnehmen.

Ich möchte dich gerne auf ein Gedankenexperiment mitnehmen:

Wenn du wüsstest, dass das achtlose aussprechen deiner Worte zu einer unheilbaren Krankheit bei deinem Partner führen würde, wie viele achtlose und anklagende Worte würdest du dann noch aussprechen können? Wenn es so wäre, dass Augenrollen, die Schärfe und Aggression in der Stimme, das sich verweigern dazu führen würde, dass man sich danach nie wieder sieht, wie oft würdest du plötzlich und sofort innehalten können, mitten im Satz stoppen, bevor dein Frust und deine Wut nach außen dringt.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen – die Fähigkeit zur Selbstregulation, nicht dem Drang folgen zu müssen negativen Emotionen auszuleben, entscheidet maßgeblich darüber, ob du in einer schwierigen Beziehung lebst oder in einer glücklichen.

Selbstregulation bedeutet allerdings nicht wegdrücken!!!

Der wichtigste Schritt in der Selbstregulation ist der erste Schritt: zu erkennen, dass eine negative Emotionsspirale in einem aufsteigt. Je früher du es bemerkst, desto leichter ist es, die Kurve zu bekommen. Je länger du wartest und du unbedingt noch dieses eine Wort aussprechen möchtest, diesen Satz nicht ungesagt lassen kannst, desto schwerer wird es werden.

Der zweite Schritt ist: deine negativen Emotionen in deinem eigenen Körper zu halten und nicht in den Körper des anderen zu schicken! Denn das was du glaubst nicht aushalten zu können oder unbedingt noch sagen zu müssen, muss der andere ansonsten für dich aushalten und wiederum in sich regulieren. Das Negative geht ja nicht einfach so verloren, nur weil du dich selber davon „befreit“ hast. Deine negative Energie wechselt einfach nur seinen Wirt. Und mal ganz ehrlich, findest du es richtig, dass deine negativen Emotionen nun ein anderer austragen und regulieren sollte?

Viele Menschen wundern sich, dass ihre Partner so viele Verletzungen in sich tragen, obwohl sie doch eigentlich „nichts weiter“ gemacht haben, als ab und zu ihren Frust zu äußern. Und außerdem: sagen nicht namenhafte Beziehungsexperten immer wieder, dass wir über all unsere Emotionen sprechen, sie einander mitteilen sollten?

Ja und nein. Wie immer gibt es auch hier wieder zwei Seiten.

Wenn du eine negative Emotion auslebst, WÄHREND du sie erlebst, bist du mit dieser Emotion zu 100% identifiziert und nicht mehr in der Lage, DARÜBER zu sprechen. Bist du mit deiner Emotion identifiziert, dann gibt es in deinem Denken nur noch ein DU und einen Schuldigen. In dieser Situation macht es keinen Sinn auch nur ein Wort weiterzusprechen. (In ganz besonderen, eher therapeutischen, Situationen kann es auch dazu kommen, dass über Emotionen gesprochen wird, während man sie wahrnimmt. Das hat dann aber nichts mehr mit dem Gegenünber zu tun, sondern spielt sich komplett im eigenen Inneren ab und verlangt ein hohes Maß an Präsenz.)

Wenn du ÜBER eine negative Emotion sprichst, hast du sie sehr wahrscheinlich vorher erlebt und sprichst davon in der Rückschau. Sprichst du von einer Emotion in der Rückschau, erzählst du wie du dich gefühlt hast. Das ist gut. Wenn du es schaffst nur von dem zu sprechen was du empfunden hast, kann es wirklich sehr viel Gutes zwischen euch bewirken: Vertrauen und Mitgefühl, was wiederum eure Verbindung stärkt. Wenn du aber beim Erzählen gleich wieder beginnst mit dem Finger auf den anderen zu zeigen, findest du dich wahrscheinlich sehr schnell in der ersten Variante wieder und das Ganze geht von vorne los. Diesen Kreislauf erleben viele Paare und dieser Kreislauf ist frustrierend und ein sehr häufiger Grund dafür, sich in Resignation und Trennung zu begeben.

Es braucht also ein Werkzeug, WIE man über das spricht, was in einem lebt, auch und gerade wenn es frustrierend ist, ohne nicht gleich wieder in das negative Gefühl der Identifikation hineinzurutschen. Und das Werkzeug dafür ist jedem bekannt. Es heisst: achtsames Sprechen, sich in JEDEM! Gespräch mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen.

Viele Paare sprechen davon, dass sie die Achtung vor ihrem Partner „verloren“ haben. Ist das wirklich so? Oder könnte es nicht vielmehr sein, dass diese Paare ihre Kommunikation achtlos geführt haben und sich daraus ein achtloses Verhalten entwickelt hat?

Worte sind machtvoll. Und das Austauschen von negativ gestimmten Worten wird euch voneinander trennen. Erst innerlich und vielleicht auch eines Tages äußerlich. Darum lass deinen Partner im dem Moment, indem du eine negative Emotion in dir hochkommen spürst SOFORT in Ruhe. Du kannst gerne im Nachhinein davon berichten, von deinen Gefühlen, dem was du erlebt hast- achtsam und wertschätzend. Doch im Moment der aufkommenden negativen Emotion solltest du dich beherrschen lernen und schweigen. Es sei denn, du möchtest, dass sich dein PartnerIn von dir abwendet.

Negative Worte dienen dazu etwas zu trennen. Positive Worte dienen dazu etwas zu vereinen.

Schenkt euch mehr Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung in der Kommunikation und lasst alles andere mal eine zeitlang weg- und warum nicht negatives Kommunikationsfasten ausprobieren…